My Via-Algarviana

Jede Wanderung beginnt mit einem ersten Schritt. Beim ersten Mal nehmen wir uns zwei Wochen Auszeit. Die Strecke teilen wir uns in drei Etappen zu je vier oder fünf Tagen ein. Wir wandern durch Ozeane blühender Zistrosen, finden Schatten unter jahrhundertealten Korkeichen und beobachten majestätisch kreisende Adler. Der Duft von Rosmarin, blühenden Orangen und wilden Orchideen begleitet uns. Die Weiden und Wiesen sind im Frühjahr noch grün und Schäfer ziehen mit ihren Schafen und Ziegen über das hügelige Grasland. Unsere Tagesetmale liegen zwischen 15 und 42 Kilometern. Nur die Natur und die spärlichen Übernachtungsmöglichkeiten leiten uns auf allen Tagen der Wanderung. In den ersten fünf Tagen schaffen wir so 114 km durch die Mittelgebirge Portugals.

Wir reduzieren unsere Geschwindigkeit und entdecken unsere ureigene Langsamkeit. Diese Natur ist so wunderbar still: keine Motoren, kein Klingeln eines Telefons, kein Grundton des ewigen Brummens einer Stadt. Wir hören nur das Summen der Bienen, beobachten Wildschweine, Schlangen, Geckos und Chamäleons. Nachtigallen begleiten uns über viele Kilometer. Irgendwann frühmorgens, ein knackendes Geräusch im Unterholz. Wir bleiben stehen und horchen gespannt in die Tagwerdung hinein, die den Sonnenaufgang ankündigt. Auf einmal sehen wir sie. Zwei großgewachsene Rehe, die ganz still beieinander verharren und uns anschauen. So vergehen Minuten. Keine zehn Meter von uns entfernt blicken sie in unsere und wir in ihre Augen. Ohne uns zu rühren, berühren sich unsere Blicke. Was mögen sie wohl über uns denken? Sie haben keine Angst und keine Scheu. Sie scheinen neugierig. Dann kommen die wilden Hunde um eine Biegung des Weges geschossen und der Zauber des Moments zerschellt im Hecheln und Bellen. Noch nie haben wir in den Bergen der Algarve Rehe gesehen. Wir verscheuchen, uns schützend vor die Beiden stellend, das Rudel mit dem Wanderstab. Mit uns hatten sie nicht gerechnet. Einen Moment bremsten sie, blieben wie angewurzelt, fast erschrocken stehen, überlegten, ob Angriff oder Verteidigung, Ausweichen oder zubeißen… Sie waren einen Moment unentschlossen. Der Stock in der Luft zeigt seine Wirkung. Als die kleinen Wölfe sich verzogen hatten, merkte wir, dass auch die Rehe weg waren, spurlos verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.

Der Weg führt uns hinab zu den Flüssen Foupana und Odeleite – der Ort für ein schönes Bad - und wieder hinauf in die Serra do Caldeirão. Am dritten Tag beginnt der Regen. Stundenlang stapfen wir durch nasse, matschige Wege. Bäche steigen über ihre Ufer. Wir triefen und frieren lange bevor wir das Quartier erreicht haben. Über Nacht ändert sich die Windrichtung. Am nächsten Tag sind die sengende Sonne und quälende Hitze zurück, die uns viele Stunden am Tag begleiten.

Nach welchen Gesetzen haben wir gelernt, unser Leben zu gehen? Wie verhielten wir uns, wenn uns die Einsicht ereilte, den völlig falschen Weg gegangen zu sein? Sollten wir nun einfach nur zurückgehen zu der Kreuzung, von der aus wir den falschen Weg eingeschlagen hatten? Zu welcher Kreuzung von den vielen? Oder sollten wir einfach weiterwandern in der Hoffnung, irgendwann schon wieder auf den richtigen Weg zu stoßen? Welche Kreuzung war die richtige und welcher Weg? Es gab sicherlich nur eine richtige Antwort. Was passierte also, wenn man weiterwanderte und den richtigen Weg wirklich gefunden hätte – oder was könnten wir tun, wären wir immer mehr vom Weg abgekommen und hätten wir uns immer mehr verloren? Etwa umkehren?

Im Binnenland treffen wir in den ersten Tagen der Wanderung auf kein Hotel, keinen Supermarkt, auf keinen Mietwagenverleih - und - auf keine Touristeninformation. Wir treffen auf Menschen, die mit dieser Natur tagein, tagaus leben: Weinbauern und Hirten – treffen auf eine traditionelle Landwirtschaft, die davon lebt, was gesät und geerntet wird. Harte Arbeit. So erreichen wir mühsam und bergauf Cachopo, einen Tag später Cortelha, die Wasserscheide zwischen Ost und West….


… Hier wird ein erster Blick auf das Gebirge von Monchique möglich. Von Cortelha bis Monchique sind es noch 106 km. Es geht weiter über Salir und Alte nach Silves. Die maurischen Einflüsse in Architektur und Landwirtschaft werden erkennbar. Brunnen und Bewässerungssysteme der Muselmanen begleiten uns; wenn auch in den meisten Fällen nicht mehr funktionstüchtig. Mehr Menschen begegnen den Wanderern. Die Alten sind mehrheitlich freundlich, erinnern sie sich doch noch an die Zeiten, als alle noch zu Fuß gingen oder mit dem Esel die Ernte transportierten.

Feigen, Mandeln, Oliven und Maulbeeren, hier und da Johannisbrot, fast überall Orangen und Zitronen, Mispeln, Pfirsiche und hier und da auch Mango und Avocado. Die Mitte der Algarve ist die fruchtbare Region, auch für den besten Honig des Landes bekannt. In Bensafim begegnet uns die größte und älteste Steineiche des Weges. Sie bietet Platz für eine Verschnaufpause und unter ihren riesigen Ästen rasten wir an einem Tisch. Vorbei geht es an einem restaurierten Waschhaus und wieder springen wir über einen Bach, dessen Gewässer Richtung Alte rauschen. Im Frühling steht das Land in voller Blüte. Der April ist der schönste Monat für eine Wanderung im Südwesten Europas: Lavendel, Rosmarin, Thymian, Salbei, Zitronenkresse und viele andere Kräuter schießen aus dem Boden und blühen; auch wilde Orchideen, Lilien, Pfingstrosen.

Am neunten Tag beginnen wir den Aufstieg ins Gebirge. Ruinen, wohin das Auge blickt. Wir wandern durch ein Märchen, durch ein Land, das vergessen wurde. Wir befinden uns jetzt an der Fonte Santa in der Nähe des Flusses Odelouca. Wir nehmen ein Bad in warmem Wasser. Hier soll im Jahre 1495 König DOM JOÃO II sein letztes Bad genommen haben, bevor er in Alvor (bei Portimão) starb. Wir hoffen doch sehr, dass uns nichts Ähnliches passiert. Unser Wanderweg ist auf keiner Karte mehr verzeichnet. Der offizielle Wanderweg der Via-Algarviana ist längst ein anderer. Wir wandern von nun an auf dem alten Pilgerweg des Heiligen Vinzenz. Der Asphalt des offiziellen Wanderweges stört, so dass wir uns im Lauf der Jahre andere, alte, bisweilen historische Wege gesucht haben, die wir mit Bauern und Hirten rekonstruierten.

My Via-Algarviana ändert sich immer dort von der offiziellen Route, wo Zivilisation und ihre Krankheiten, die Natur zerstören. Wir suchen uns Pfade, die in keinem Verzeichnis stehen. Warum führt ihr die Straßen und baut eure Häuser nicht um die Bäume und Wälder herum, sondern rodet ganze Wälder, teert die Natur mit Petroleum, nur damit eure Autos besser rollen können? Warum betoniert ihr eure Häuser dort, wo vorher noch Bäume standen? Ihr macht euch darüber vielleicht keine Gedanken, weil ihr abgestumpft seid. Ihr nehmt das als natürlich hin. Ihr pflanzt vielleicht wieder einen Baum als Beiwerk, als Dekoration zur Straße und vor das Haus, schmückt Blumenbeete in der Stadt und warum? Weil euch die Natur fehlt. Aber ihr werdet immer einem Auto und einem Haus den Vorrang vor einem Wald oder einem Baum geben. Merkt ihr was? So etwas fällt nur noch Menschen auf, die zu Fuß unterwegs sind…


… In den Bergen begegnen wir Schnapsbrennern, Olivenbauern und Holzfällern. Wir besuchen die letzte Olivenmühle in Pardieiros bei Monchique. Vom Gipfel Picota, 776 Meter hoch, können wir bereits das Südwestkap erblicken. Das letzte Drittel: 108 km. Aus den Bergen kommend, gehe wir über Land, in eine Region hinunter, in der auf den letzten Kilometern nur wenige Einwohner noch auf einem Quadratkilometer leben. Hier finden wir immer noch oft, was wir eigentlich suchen, die Stille und die Möglichkeit, während einer Wanderung ganz mit sich selbst und der Natur allein und eins zu sein. Manche nennen es Meditation. Andere haben Angst davor, sich auf diese Natur einzulassen. Wer also auch diese Kraft sucht und dazu in 15 Tagen die 328 km zu Fuß gehen kann, sollte sich in Alcoutim am Fluss Guadiana mindestens einen Tag vor der Wanderung mental auf seine Via-Algarviana einstellen. Am Ende unserer Wanderung, zwischen Vila do Bispo und dem Südwestkap besuchen wir jedes Jahr wieder einen Freund, den Schäfer. Noch sechs andere Schäfer teilen sich hier die Heidelandschaft zum Grasen ihrer Herden. Man trinkt eine Tasse frische Ziegenmilch. Köstlich. Hier endet der Film „Erben der Revolution“ und das gleichnamige Buch; im Gespräch mit dem Schäfer Manuel António Violente und seiner Sicht der Dinge.

Denn die Jungen verlassen ihr eigenes Dorf und ihre Familie ohne dieses Wissen und sie vergessen ihre traditionelle Herkunft. Fast alle von ihnen leben heute an der Küste oder in Ballungszentren wie Faro und Lissabon – oder sind ausgewandert, dem Geruch des Geldes und dem Fortschritt nach.

Trotzdem erfüllen den Geschichtenerzähler Hoffnung und Freude. Es sind die Hoffnung und die Freude während der langen Wanderungen. Denn man kann viele gute Geschichten schreiben - oder sie sich auch einfach nur erzählen. Geschichten des Gelingens. Es sind die Lebensgeschichten von Menschen und ihrer Arbeit, von ihrem Handwerk: vom Töpfer, Kesselflicker, Schuh- und Stellmacher und vom Schmied, vom Filzen der Kleidung bis hin zum Knüpfen von Teppichen aus Flachs, von Bauern, Imkern und Hirten. Wissen, das nicht verloren gehen darf im Strudel der Moderne. Irgendwann trafen wir einen ersten jungen Menschen bei einer unserer Wanderungen. Er erzählt uns davon, dass er die Stadt satt habe. Die Zukunft läge in der Natur und im guten Umgang mit ihr. Wie natürlich steht er da an einem Bach mit seinen Ziegen, die da weiden und erzählt von seinen zwei Pferden und dem Garten, den er bestellt. Arbeit, die ihm Sinn brächte.

Das Südwestkap, das alte Ende der Welt in Sichtweite, rieche wir das Meer und hören schon die Brandung. Die viele Blasen an den Füßen der Mitwanderer und ihre nächtlichen Wadenkrämpfe haben sich gelohnt. Im vierten Jahrhundert wurde dieser beschwerliche Weg erstmals gegangen, so eine Information des Diozösenblattes Faro. Die Sage geht, das Schiff mit den Gebeinen des Heiligen Vinzenz von Valência, sei am Kap bei Sagres gestrandet und zwei Raben hätten die menschlichen Überreste aus den Fluten gerettet. Der alter Pilgerweg von Alcoutim bis ans Südwestkap wird zu einer Reise durch Zeit und Tradition. Kaum zu glauben, was zwei Beine alles bewegen können…

My Via Algarviana: Alcoutim • Balurcos de Baixo • Furnazinhas • Vaqueiros • Feiteira • Salir • Alte • Silves • Caldas de Monchique • Marmelete • Barão de São João • Vila do Bispo • Südwestkap...

Rota Vicentina - Wanderreise - Herbst 2017


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